Als ich aufhörte zu existieren

Das Geräusch von Reifen auf Asphalt. Ein langgezogener Laut, der in meinen Ohren vibriert, mich seit über einem Jahr begleitet. Ein tiefes Summen so gegenwärtig, dass ich unruhig werde, wenn ich es nicht höre.

Ich starre aus dem Fenster, blicke auf vorbeiziehende Bäume, die vom Licht der aufgehenden Sonne Schatten auf das Gras werfen. Seit einem Jahr bewege ich mich auf Straßen, die mich zu Städten und Konzertsälen führen, auf denen ich mit meiner Band auftrete, wieder in den Bus steige und erneut aus dem Fenster starre. So lange, bis ich das Bewusstsein verliere und in eine Art Schlaf abdrifte.

Ein Jahr konstant unterwegs zu sein, gab es für uns noch nie. Jedoch änderte sich alles, als unser fünftes Studioalbum vor eineinhalb Jahren erschien. Bei Verkaufsstart geschah zunächst nichts Ungewöhnliches; einige unserer Fans hatten es vorbestellt, als wir eine Single veröffentlichten. In der ersten Woche verkauften wir zweihundert Exemplare, was unsere Erwartungen deutlich übertraf. Was jedoch in den folgenden Monaten passierte, war für uns alle ein wahr gewordener Kindheitstraum. Zuerst nutzen ein paar Menschen Ausschnitte unserer Lieder für ihre TikToks; diese gingen dann viral und eine breitere Masse wurde auf unsere Musik aufmerksam. Wir spielten eine kleine Tour, die zum ersten Mal in allen zehn Städten restlos ausverkauft war.

Einen Monat später kamen Buchungen für bekannte Festivals und Interviewanfragen hinzu, von denen wir ein paar – aufgrund von Terminkollisionen - sogar ablehnen mussten. Alles lief ab, wie in einem Rausch: schnell und unwirklich. Wussten wir nach der Veröffentlichung unseres vierten Albums fast nicht mehr, wie wir unsere Miete bezahlen sollten, kam nach einem halben Jahr eine große Plattenfirma auf uns zu und machte uns ein Angebot im oberen sechsstelligen Bereich, damit wir mit unserem Albumkatalog zu ihnen wechselten. Ohne zu zögern, unterschrieben wir.

Dieser neue Vertrag war eine Art Schlussstrich unter unsere Vergangenheit, die im Keller meiner Eltern begann. Josh am Schlagzeug, Karl: Bassist, Tom: Leadgitarre, Ich: der Sänger und zweiter Gitarrist unserer Band. Kennengelernt hatten wir uns in einer Musikschule in der Stadt, in der wir uns bei einem dieser Konzerte kennenlernten, die allein zum Genuss von Eltern und Verwandten existieren. Wir waren alle in Band-T-Shirts gekleidet und hatten unseren missmutigsten Gesichtsausdruck aufgesetzt. Anhand unserer T-Shirts und der Ablehnung dieses Events kamen wir schnell ins Gespräch. Wir besuchten zwar das selbe Gymnasium, doch hatten zuvor nie miteinander gesprochen, da sich jeder von uns in den Pausen in eine andere Ecke der Schule verkroch. Waren wir zuvor noch einsam, so war es dieser Abend, der einen Umbruch in unseren Leben auslöste. Ab sofort verbrachten wir unsere Pausen nie mehr allein. Wir waren sechzehn Jahre alt und für uns war seit unserem Kennenlernen klar, dass wir eine Band gründen wollten. Da wir uns alle als Rebellen sahen, war der Name schnell entschieden: Rebellion, den wir dann allerdings ein Jahr später zu Storyline änderten. Wir kombinierten zwei Genres, die wir damals vergötterten: Sadboi Pop-Punk und Metalcore.

Beliebt waren wir nicht gerade, sahen wir doch den Großteil der anderen als Konformisten und sie uns im Gegenzug als Idioten mit beschissenem Musikgeschmack, die es zu nie etwas bringen würden. Auch, wenn wir damit in das Klischee der unbeliebten Kinder passten, die eine Band gründeten, um aus ihrer Stadt mit Umfeld auszubrechen, ging es uns vorrangig darum, Musik zu machen. Je mehr Zeit wir im Proberaum verbrachten, desto bewusster wurde uns, dass wir damit auf die Bühne mussten.

Unser erster Auftritt fand in der Bar eines Freundes meiner Familie statt. Tim, Barbesitzer, der eine beinahe Glatze trug – die letzten Haare hatte er fein säuberlich am Hinterkopf zusammengebunden – ließ uns nur auf wiederholtes Bitten auftreten. Später erfuhr ich, dass mein Vater ihm etwas dafür bezahlte, da er dachte, ich würde nach dem Auftritt die Lust verlieren.

„Es wird eh keiner kommen. Stell dich lieber schon mal darauf ein.“

Womit mein Vater nicht gerechnet hatte, waren die zwei Wochen davor, in denen wir in jeden Winkel unserer Stadt Flugblätter unseres anstehenden Konzertes verteilten. Je näher der Auftritt kam, desto aufgeregter wurden wir. Für uns führte kein Weg daran vorbei, wir mussten auftreten, der innere Drang war zu stark.

Die Wände der Bar waren in einem Senfgelb gestrichen, dessen erster Anblick einem einen Stich in die Augen versetzte. Die Türrahmen aus dunklem Holz rundeten den Anblick zusätzlich ab. Tim zeigte in eine Ecke, von der ausgehend ein blauer Teppich ausgelegt war.

„Da könnt ihr euer Zeug aufbauen“, sagte er und wackelte mit seinem Zopf, was er immer tat, wenn ihm etwas zuwider war. Wir nickten und stellten unsere Verstärker zueinander; das Schlagzeug platzierten wir so nah an die Wand wie möglich. Am Ende standen wir so dicht beieinander, dass zwei Drittel des Teppichs, der drei Meter auf drei Meter maß, frei blieb. Pünktlich vor Konzertbeginn, kurz vor sieben, stellten wir uns im Kreis auf und warteten. Zuvor blickten wir uns verstohlen um und sahen, dass einige Leute aus unserer Schule gekommen waren. Unsicher darüber, ob sie uns beim Versagen zusehen oder wirklich aus Interesse hier waren, sahen wir immer wieder in die Menge. Ich zählte knapp fünfzig Leute, die um den Tresen und die Tische standen und warteten. Als Tim den Großteil des Lichtes ausschaltete, bestrahlte nur eine einzelne Glühbirne das Mikrofon, das einen Meter von unserem Kreis entfernt stand. Es herrschte Stille.

Als Erstes setzte die Leadgitarre ein, dann der Bass, Schlagzeug und schließlich begann ich mit meiner Gitarre in die Melodie einzustimmen. Ich löste mich aus dem Kreis und trat ins Licht. Die anderen drehten sich zu mir und ich schrie so laut und aggressiv-leidend ich konnte in das Mikrofon. Mein Körper zitterte. Es war wie ein Befreiungsschlag, das Gefühl, endlich lebendig zu sein, wonach ich mich mein bisheriges Leben gesehnt hatte. Den anderen ging es ähnlich, alle Aufregung fiel von uns, wir waren wie ausgewechselt, spielten unsere Eigenkompositionen und Coversongs. Die Menschen vor uns, die anfangs noch steif und schüchtern wirkten, tauten auf, begannen zu tanzen, zu moschen und nach und nach die Bar in ihre Einzelteile zu zerlegen. Stühle flogen, Leute sprangen gegen Tische. Tim wackelte jetzt immer wilder mit seinem Haar, wollte uns schon den Strom abstellen, doch die Leute hinderten ihn daran, indem sie ihn festhielten und ihm drohten. Tim hatte solche Angst, dass er ihnen versprach es nicht zu tun, schenkte weiter Getränke ein und sah dabei zu, wie sein gesamtes Interieur nach und nach zu Brennholz verarbeitet wurde.

Der Abend stand im Zeichen des Rausches in Musik, der die Anwesenden veränderte. Diejenigen, die zuvor noch still und schüchtern um sich blickten, traten jetzt am heftigsten gegen die Tische und Stühle. Andere, zuvor noch mit aufgesetztem Lächeln im Gesicht, versuchten jetzt, jedes Wort mit zu schreien.

Nachdem wir unser letztes Lied beendet hatten, schüttelten sie sich und verfielen wieder in ihre alten Rollen. Die Anwesenden klatschten höflich und verließen so schnell sie konnten die Bar. Möglicherweise deshalb, weil Tim zuvor weinend aus dem Nebenraum die Polizei angerufen hatte. Als wir auf die zerstörten Tische und Stühle sahen, lächelten wir uns an. Es war uns egal, dass sie alle abgehauen waren; wir hatten etwas in ihnen berührt, etwas freigesetzt.

Dieser Abend bleibt mir deshalb noch so lebhaft in Erinnerung, weil er uns Selbstvertrauen verlieh und mir klar wurde, dass wir als Individuen begannen und als Organismus endeten. Das half uns über die kommenden Jahre hinweg, in denen wir von zuhause auszogen, gemeinsam eine WG in einer Großstadt gründeten und sich jeder von uns in einen Studiengang einschrieb, der ihn nur beiläufig interessierte. Was für andere ein sicherer Trennungsgrund ihrer Gruppe darstellte, war für uns das weitere Vertiefen unserer Freundschaft und die Fähigkeit als künstlerische Einheit zu agieren. Vorteil war auch, dass wir vier nahezu die gleichen Charakterzüge aufweisen: zurückhaltend, einfühlsam, rücksichtsvoll. Es klingt unwirklich, gar träumerisch, aber jeder von uns lebt in seiner Welt, die nach eigenen Regeln funktioniert und doch im Zusammenschluss mit der Gruppe funktioniert.

Musik war das Einzige, das uns interessierte, keine Partys, kein Alkohol. Ein Leben in Abstinenz und in einem Miteinander, das von Außenstehenden immer wieder als ungesund bezeichnet wurde. Mit der Zeit waren wir alles, was wir hatten, denn auch wenn die Menschen sagen, dass sie uns verstehen würden, begreifen sie zwar den Sachverhalt, doch ihre Herzen fühlen nicht das Selbe. Wie sollten sie auch?

Nachdem wir über ein Jahr an unserem vierten Album arbeiteten und in der ersten Woche nur fünf Stück davon verkauften, waren das nur wir, die diesen Schmerz verstanden. Uns wurde bewusst, dass ein Jahr voller Verzicht nichts gebracht hatten: die vorzeitige Beendigung unserer Studiengänge, die Kündigungen unserer Aushilfsjobs, da wir unsere Lebenshaltungskosten gerade so decken konnten. Wir hatten nur einander, um uns zu stützen und weiter zu machen.

Obwohl jeder von uns im Hier und Jetzt genug Geld hat, zieht trotzdem keiner aus unserer Wohnung aus, da es doch den ernsthaften Beginn, die Höhen und Tiefen unserer bisherigen Karriere markiert. Vielleicht auch, um nicht in irgendeiner anderen Wohnung allein und auf sich gestellt zu sein. Ohne die anderen wäre diese Wohnung nur eine Hülle mit vier Wänden. Ohne die Musik und unsere Band wären wir nur ziellose Kreaturen, die von Ereignis zu Ereignis ziehen.

Die vorbeiziehenden Bäume und Schilder hypnotisieren mich. Ich klettere aus meiner Kabine, fülle zwei Becher mit Kaffee und gehe mit ihnen zum Busfahrer. Manchmal erinnert er mich an Tim, mit dem Unterschied, dass er nicht mit seinen Haaren wackelt, wenn ihm etwas widerstrebt. Er nickt, als ich den Becher mit Kaffee in den Getränkehalter stelle. Im Bus herrscht Stille. Alle anderen schlafen, was ich auch tun sollte, aber seit ein paar Tagen bin ich nicht mehr dazu im Stande. Es kommt mir so vor, als hätte ich vergessen, wie es geht.

Nachdem wir solch eine Resonanz auf unser fünftes Album bekommen hatten, unsere Touren ausverkauft waren und wir für große Festivals gebucht wurden, blieb ich ebenfalls wach, jedoch freiwillig. Ich wollte jede Minute dieses unwirklichen neuen Lebens auskosten. Ich befürchtete, dass, falls ich einschlief, alles vorbei wäre. Ich konnte damals nicht glauben, dass sich so viele Leute für meine Texte und die Musik der Band interessierten.

Jetzt hingegen raubt mir eine innere Stille den Schlaf, die keine angenehme, sondern eine Einsame ist. Es geht nicht nur mir so, Josh, Karl und Tom fühlen ebenso. Erst gestern haben wir darüber gesprochen, als unser neuer Manager Torben auf uns zukam und uns mitteilte, dass wir nach unserer Tour innerhalb eines Monats vier neue Singles produzieren sollten. Wir nickten nur und stapften in unseren Tourbus. Es war uns bewusst, dass wir dazu verpflichtet waren; hatten wir den Vertrag in der Eile und Euphorie nicht richtig durchgelesen, geschweige denn von einem Anwalt prüfen lassen. Ich sage das hier auf eine besserwisserische Art, obwohl ich mir sicher bin, dass wir den Vertrag – hätten wir davon gewusst – trotzdem unterschrieben hätten, denn eine solche Chance hat man selten, wenn nicht gar einmal im Leben. Im Umkehrschluss wären wir so oder so Sklaven der Unterhaltung geworden.

„Ich schaff jetzt schon keine weitere Show mehr und wir haben noch neun vor uns. Was zum Teufel denkt der eigentlich? Dass wir nebenbei noch vier neue Songs geschrieben haben?“, fragte Josh in die Runde.

„Vergiss nicht, dass wir auch bald wieder an ´nem neuen Album arbeiten sollten. Wenn ich ehrlich bin, sind wir selbst schuld, wir waren einfach zu naiv. Aber irgendwie wollten wir das auch, genau das“, sagte Tom und zeigte auf das Innere des Tourbusses.

„Ja, das kann schon sein“, warf Karl ein, „vielleicht waren wir naiv und so, aber dachtet ihr, dass es so anstrengend wird? Ich meine nicht die Tour, das Drumherum, dass uns niemand mehr in Ruhe lässt?“

Wir blickten uns an und schüttelten den Kopf.

„Letztlich ist die Tour auch schon wieder egal, wir sollten lieber anfangen, die vier Songs zu schreiben und uns Gedanken um unser neues Album machen, falls sie sich entscheiden das auch bald haben zu wollen“, sagte Tom und blickte zu mir. „Denkst du, du kriegst das hin?“

Alle blickten zu mir. „Soll ich ehrlich sein? Ich hab keine Ahnung. Es geht mir wie euch. Klar hätte ich mir das auch irgendwie anders vorgestellt, aber jetzt ’nen Rückzieher machen geht auch nicht. Wir haben nicht so lange dafür gearbeitet, um jetzt aufzugeben. Erinnert euch. Vor zwei Jahren wollten wir beinahe aufhören und jetzt seht uns an. Das kann auch schnell wieder vorbei sein. Ich, ..., nein, wir bekommen das hin. Macht euch keine Sorgen.“

Sie starrten mich lange an, ohne etwas zu sagen. Ich versuchte, meine Sorgen vor ihnen zu verbergen, was mir glücklicherweise gelang, da sich ihre Gesichter ein wenig entspannten. Ich hatte keine andere Wahl, als diese Lieder so schnell wie möglich zu schreiben. Die ganze Nacht suchte ich nach Textzeilen, wartete auf irgendeine Eingebung. Den Schmerz, den ich sonst in meinen Songs verarbeitete, die Wut, diese Fehlplaziertheit im Leben, existierten nicht mehr. Das alles schien ich irgendwo in mir vergraben zu haben, ohne zu wissen wo.

Ich durchlebte bereits einmal so eine Phase. Kurz nach unserem Durchbruch wollte die Plattenfirma erst zwei neue Singles, die sie auf fünf aufstockte. Um unseren Standard zu halten, immer wieder neue musikalische Wege zu beschreiten, kamen wir in Bedrängnis. Wir hatten zwei Monate Zeit, aber brauchten in der Vergangenheit mindestens doppelt so lang oder länger, um unsere Werke vollständig auszuarbeiten. Auch ich, der den Grundstein unserer Lieder mit den Texten und groben Melodievorschlägen legte, kam in Schwierigkeiten. Ich bekam nicht die Zeit, die ich für ein Lied benötigte, war verzweifelt und suchte Hilfe im Internet. Meine ursprüngliche Intention, Hilfe beim schnelleren Schreiben von Texten zu finden, wandelte sich in das Suchen nach ewigem Erfolg und Glück, das sich laut der Bücher mühelos erreichen ließe, auf die ich zu dem Thema stieß. Mein Fokus veränderte sich zu: innere Zufriedenheit durch kapitalistische Errungenschaften. Früher schmunzelte ich abwertend, wenn mir Leute von solchen Büchern erzählten; jetzt war ich so verzweifelt, dass ich mir ein paar Exemplare bestellte und darin las. Mein kritisches Denken war außer Gefecht gesetzt. Den Aussagen der Bücher verfallen, sank ich immer tiefer in deren Banalitäten. Ich war darauf versessen, alles umzusetzen, was die verschiedenen selbst ernannten Gurus mir durch ihre Geld verliehene Weisheit zuteil werden ließen. Anfangs kam mir das alles etwas komisch vor, doch ich dachte, wenn ich nur das richtige Umfeld schaffen würde, wäre ich dazu in der Lage, die gestellten Anforderungen an mich zu erfüllen, denn ich wusste, wenn diese fünf Lieder unseren neu gewonnenen Fans nicht gefielen, wären wir bald wieder von der Bildfläche verschwunden.

Meine naive Hoffnung, durch die Methoden dieser Leute produktiver und allgemein besser im Liederschreiben zu werden, wandelte sich schließlich in etwas um, das sich gut als Größenwahn beschreiben lässt. Warum nur fünf, wenn ich auch zwölf Lieder für ein ganzes Album schreiben könnte? Ohne innezuhalten, stürzte ich mich auf meine Arbeit und brachte mich nicht mehr davon ab. Josh, Karl und Tom erzählte ich nichts davon. Wir hatten uns zuvor darauf geeinigt, dass jeder für sich ein paar Melodien komponierte. In zwei Wochen würden wir uns im Tonstudio treffen, uns die Melodien und Texte anhören und alles zusammenfügen. Tom, der ein gutes Gespür für das Gesamtarrangement der Songs hatte, würde dann die finalen Mischungen mit unserem Tontechniker übernehmen, ehe wir in einem gemeinsamen Hören der Songs unsere letzten Änderungen besprachen. So wie immer. Wir versuchten, keine großen Erwartungen zu haben, doch wir vier wussten, dass diese fünf Songs besser sein mussten, als alles, was wir bisher veröffentlicht hatten.

Zu Beginn der zwei Wochen legte ich mir, wie von diesen Büchern empfohlen, eine Morgenroutine zu, plante meinen Tag Minuten genau im Voraus und zwang mich so konzentriert wie möglich zu arbeiten. Außerdem sprach ich tagsüber mit niemandem mehr, weil ich nicht aus meinem kreativen Zwang ausbrechen wollte. Ich visualisierte, meditierte, arbeitete mit Affirmationen, in denen ich mir den ganzen Tag einredete, wie toll, einzigartig und kreativ ich doch sei und versuchte, keinen schlechten Gedanken mehr zu haben. Die Methoden, die ich anwandte, zeigten ihre Wirkung. Als die zwei Wochen vorbei waren, hatte ich zwölf neue Songs komponiert. Nicht, dass ich zuvor faul war, doch ich erkannte, dass ich mich zuvor eher von meiner Intuition als einer durchgeplanten Arbeitsmethodik leiten ließ.

Ein ursprünglicher Tag davor sah so aus, dass ich ein bis zwei Zeilen schrieb, anschließend ein paar Akkorde dazu klimperte, in mich versunken im Zimmer auf und ab ging, mich wieder hinsetzte, erneut schrieb, abermals Akkorde, oder eine Melodie fand, unterbrochen von einem Spaziergang, einer Jam-Session mit den anderen oder einem Schläfchen. Ich richtete mich eher nach dem Projekt, als nach einem strukturierten Plan. Manchmal erforderte ein Song, nachts zu arbeiten, an anderen Texten schrieb ich eher früh morgens. Natürlich gab es Phasen, Songs und Alben, die ich schneller schrieb, als andere, doch das war eher die Ausnahme.

Jetzt hingegen, war Geschwindigkeit und Stückzahl das Maß aller Dinge. Ich wollte über den Dingen stehen, so viele Songs schreiben, dass wir beinahe ein weiteres Album veröffentlichen konnten, das uns ganz nach oben katapultieren sollte. Die Realität holte mich schnell ein, als ich mit den anderen im Studio saß und meine Stücke vortrug.

Josh, Karl und Tom standen um mich, hörten sich alle meiner zwölf Stücke an. Als ich mit dem letzten „Burn out in Paradise“, endete, schwiegen alle. Ich nahm ihr Schweigen als zustimmende Bewunderung hin, als Tom seine Stimme erhob: „Was ist das denn für ’ne Scheiße? Die hören sich ja alle gleich an. Was soll ich denn deiner Meinung nach spielen, hm, für alle den gleichen Riff, nur in unterschiedlichen Tonlagen?“

Ich war verwirrt, diese Antwort passte gar nicht in meine Vorstellung. „Schreib du doch das nächste Mal die Lieder. Ich acker hier früh bis spät und dir fällt nichts Besseres ein, als es einen Scheiß zu nennen?“

Karl ging dazwischen und sagte: „Jeder von uns hat eine kleine Melodie oder ’ne Idee für einen Text, so wie bei jedem Album. Du weißt, dass alles hier zusammenkommt. Außerdem, wo ist der Biss, die Wut und Trauer hin? Versteh mich bitte nicht falsch, aber das hört sich weichgespült und oberflächlich an. Wenn wir das aufnehmen, verraten wir uns.“

„Wir müssen aber“, sagte Josh und tippte mit den Fingern auf seine Schläfen. „Wir haben noch vier Tage und nicht mal richtig angefangen.“

„Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?“, fragte mich Tom, doch ich konnte ihm keine Antwort geben. Ich hatte mich so gefreut, so viel geschafft zu haben, dass mir gar nicht auffiel, dass es nicht annähernd meine besten Arbeiten waren.

„Ich wette, das kommt von den Büchern, die du in letzter Zeit gelesen hast. Denkst du, wir merken das nicht? Wir sind wie Brüder und du sprichst tagelang nicht mehr mit uns, verschanzt dich in deinem Zimmer. Ich hab´ dir gesagt, dass diese Scheiße nicht funktioniert. Vielleicht funktioniert sie für irgend welche Business Heinis, doch wir machen hier Musik. Wenn du versuchst, Kunst in ein System zu pressen, sie auszuquetschen, sie zu beschleunigen, dann kommt nur Bullshit dabei raus!“ Tom zeigte in einer ausladenden Geste auf das Studio. „Ich weiß, du wolltest es besser machen, aber so funktionieren die Dinge nun mal nicht. Das, was du hier vollbracht hast, ist die Endstufe der Kapitalisierung unserer Kunst. Ja, wir müssen Geld verdienen, um zu leben und daran ist auch gar nichts Schlechtes, doch es geht einfach nicht, dass wir den Markt mit noch mehr sinnbefreitem Blödsinn füllen. Das ist es, was gerade passiert, was schon die ganze Zeit passiert, weil niemand nachdenkt. Keiner hat mehr Geduld, jeder will nur noch irgendwie Geld verdienen, scheißegal, ob es qualitativ hochwertig ist oder nicht.“ Tom atmete angestrengt.

„Du hast gut reden, auf mir lastet doch der ganze Druck. Die Songs, die Melodien. Ich muss die Band voranbringen, dass wir irgendwann mal ganz oben stehen und aus dem Drecksloch rauskommen, in dem wir gerade wohnen. Ich will, dass wir uns irgendwann keine Sorgen mehr ums Geld machen müssen, sich jeder eine eigene Wohnung leisten kann und wir alles haben, was wir wollen.“

„Du verstehst es einfach nicht, oder?“, sagte Tom, nahm seine Gitarre von der Schulter und setzte sich auf das danebenstehende Sofa.

Josh, der mit den Fingern immer noch auf seinen Schläfen trommelte, wandte sich jetzt ebenfalls in einem schlichtenden Tonfall zu mir. „Ich glaube, was er sagen will, was wir alle versuchen, dir zu sagen, ist, dass es uns nicht um unendlichen Ruhm oder Geld geht. Ja, schön, dass wir jetzt ein bisschen mehr Geld haben, aber was hat sich wirklich geändert? Wir werden immer Existenzängste haben. Ein paar Lieder, die niemanden interessieren und wir sind irrelevant. Das weißt du, so gut wie ich. Du bist und warst nie allein, wir sind für dich da und unterstützen dich. Jeder hat in der Vergangenheit eine Zeile, Melodie oder Arrangements einfließen lassen. Auch, wenn es vielleicht weniger Lieder sind als unsere Kollegen, ist es uns dennoch wichtiger, dass wir keinen Content produzieren, der nullachtfünfzehn ist. Wenn das Andere machen: gut, hab ich kein Problem mit, doch wir wollten ursprünglich was anderes, oder? Es ist mir auch scheißegal, ob wir noch mit sechzig gemeinsam in unserer Wohnung hausen. Hauptsache, wir sind zusammen. Du weißt, dass wir trotz der ganzen Aufmerksamkeit nur einander haben.“

„Ich komme zum selben Schluss, wie die beiden“, sagte Karl. „Wir sind alle verzweifelt, das gehört nun mal dazu. Das wussten wir von Anfang an. Du hast dich in eine Welt verirrt, die von dem abgekoppelt ist, was wir versuchen zu erschaffen. Diese ganze Business-Self-help Unternehmer Scheiße hält Einzug in das, was davon komplett unberührt sein sollte: die Kunst an sich. Der Ort, an dem wir reflektieren und einfach da sind, ohne einen Hintergedanken an Verkäufe, Networking und was weiß ich nicht alles. Das ist alles nur aus reinem Selbstzweck, nie für die Sache an sich, weil es nie mehr ausschließlich um die Sache an sich geht.“ Er sah zu Tom und Josh, beide nickten. „Doch du hättest mit uns reden müssen, dich nicht so abschotten, dann wäre das vielleicht anders gelaufen.“ Karl wandte sich ab, seine Schultern sackten zusammen und er setzte sich neben Tom und Josh auf die Couch. Alle starrten vor mir auf den Boden.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Mein Herz pochte wie wild, ich stand da und konnte mich nicht mehr rühren. Im Grunde wollte ich das Beste für unsere Band. Bei diesem Gedanken wurde mir klar, dass das nicht stimmte. Ich wollte das Beste für mich selbst. Ich suchte Sicherheit, wo keine war, wollte den sicheren Erfolg, obwohl es keine Garantie für irgendetwas auf dieser Welt gibt. Sie hatten Recht und ich konnte es nicht zugeben. Ich war ein Gefangener meines Egoismus, wusste nicht weiter und schrie sie mit dieser Erkenntnis an: „Ihr spinnt doch!“ Danach verließ ich das Tonstudio; sollten sie mit den Liedern machen, was sie wollten, es war mir egal.

Ich fuhr zurück in unsere Wohnung und knallte die Zimmertür symbolisch hinter mir zu. Dann starrte ich auf die zwei Stapel Bücher, die mir Erfolg und Gelassenheit versprachen. Ich stand eine gefühlte Ewigkeit da, spürte, wie das Blut in mir kochte und sich all meine Glieder versteiften. Ich kam mir so lächerlich vor, folgte ich doch blind irgendwelchen Idioten, die mir ihre Masche verkauft hatten. Einmal wandte ich sogar eine Methode an, in der ich mir meine Ziele vorstellte und dazu masturbierte. Der Autor dieser Methode argumentierte, dass durch die positive Visualisierung der Ziele ein klares Bild im Kopf entsteht, das beim Orgasmus im Unterbewusstsein mithilfe der Dopaminausschüttung fest verankert wird. Dies führe dazu, dass man seine Ziele mühelos erreichen sollte. Mit diesem Szenario vor Augen kam ich mir noch lächerlicher vor. Ich wollte weder mehr Geld, noch mehr Erfolg. Ich wollte einfach weiter Musik machen. Mit jeder Sekunde stieg mein Zorn. Ich ballte meine Fäuste so fest, dass sie sich weiß färbten. Dann konnte ich mich nicht mehr halten und stürzte auf die Bücher zu.

Ich schleuderte sie quer durchs Zimmer, riss alle Seiten heraus, zerknüllte, zerriss, trat sie, beschimpfte die Seiten so laut, in der Hoffnung, ihre Verfasser könnten mich hören. Ich machte so lange weiter, bis der Boden meines Zimmers mit herausgerissenen Seiten bedeckt war. Dann stürmten plötzlich Josh, Karl und Tom in den Raum. Als ich sie sah, sackte ich zu Boden und begann zu weinen. Da lag ich, auf Träume gebettet, die nie meine Eigenen waren, sondern von Menschen, die nichts von unserer Existenz verstehen. Meine Tränen tränkten die Seiten unter mir, die Anderen knieten um mich. Sie waren alles für mich und ich hatte sie von mir gestoßen. Ich schämte mich so sehr, dass ich begann zu hyperventilieren. Sie nahmen mich in die Arme und ich fühlte mich ihnen wieder verbunden. Meine Freunde, Brüder. Sie waren mehr als das und ich bin immer noch unfähig, diese Verbindung mit Worten zu beschreiben. Das Beste war, dass sie gar nichts zu mir sagten, nur in meiner Nähe waren.

Als ich mich beruhigt hatte, halfen sie mir, die herumliegenden Seiten in einen Müllsack zu stopfen. Später am Abend gingen wir gemeinsam hinunter in den Hof, standen vor dem Papiercontainer, in dem ich alles entsorgte. Ein Akt, der mich befreite, der mir meine Kraft zurückgab. Jetzt wusste ich, worüber ich schreiben konnte.

Am selben Abend ging ich wieder in mein Zimmer, zog einen Stapel Papier hervor und begann wieder über meine Unsicherheiten, zerstörten Träume, den innerlichen Druck und das verletzlich zerbrechliche Ich, zu schreiben, das mich bewohnte. Ich musste mich nicht zwingen, alles lief wie die Strömung eines Flusses, auf der ich von den letzten Wochen wegtrieb, hin zu einer neuen Existenz. Was den Tag zuvor passiert war, war einer der schlimmsten Momente in meiner kreativen Laufbahn, doch was danach kam, war einer der schönsten Orte, an denen ich jemals war. Ein Ort außerhalb von Raum und Zeit, in dem die Nacht keine Zeit, sondern ein Gefühl war. Ich existierte nur noch als Bündel von Gefühlen und Ausdrücken. Ein kreatives Sein, das Noten und Textzeilen aufs Papier schrieb.

Bis zum nächsten Morgen hatte ich drei Songs komponiert. Nachdem einzelne Lichtstrahlen den Weg in mein Zimmer gefunden hatten, war ich fertig. Ich sammelte die Blätter ein, legte sie auf einen Stapel und als die Sonne vollends am Himmel stand, realisierte ich, dass ein Teil von mir verschwunden war. Anfangs suchte ich verzweifelt, doch als ich länger danach Ausschau hielt, bemerkte ich, dass dieses etwas in mir unauffindbar blieb.

In diesem Moment versuche ich, das Gefühl dieser Nacht heraufzubeschwören, doch ich starre nur auf die vorbeiziehenden Bäume. Die nahende Stadt mit ihren stillen Erwartungen lässt eine Beklemmung in meiner Brust heranreifen, die sich in meinem Hals zu einem Klumpen formt.

Der Kaffee des Busfahrers ist leer, meiner auch. Ich stehe auf, nehme seinen Becher, gehe nach hinten, um beide wieder aufzufüllen. Ich sehe dem schwarzen Gebräu zu, wie es sich in den vergilbten Pappbecher ergießt. Ein Gedanke schießt durch meinen Kopf.

Ich existiere nicht mehr.

Erst blicke ich in den Kaffee, dann erscheint mir der Gedanke immer logischer. Ich bin nur noch eine Idee meiner selbst. Wenn ich nicht kreativ sein kann, keine Texte und Noten durch mich fließen, bin ich nicht am Leben. Ich weiß nicht, woher dieser Gedanke kommt. Irgendetwas veranlasst mich, nochmals an die Nacht zurückzudenken, als ich die drei Songs schrieb, die letztlich so erfolgreich waren, dass wir auf diese große Tour gehen konnten. Jetzt wird es mir klar. Warum hatte ich das nicht erkannt? In dieser Nacht verlor ich einen Teil von mir in diesen Liedern. Möglicherweise waren sie deshalb so erfolgreich. Von da an hatte ich keine Ideen mehr, alles war weg. Ich erinnere mich: als ich die letzte Zeile schrieb, kam es mir so vor, als wäre mein Innerstes zur Ruhe gekommen.

Ich starre immer noch auf den aufwallenden Kaffee in meiner Hand. Bin ich verrückt geworden? Ich spielte doch die Konzerte, ich sehe diesen Becher, spüre, wie ich mit diesem Bus durchs Land fahre. Ein Gefühl der Hilflosigkeit steigt in mir hoch. Eine Bodenwelle unterbricht das Gefühl, da Kaffee über meine Hand schwappt. Ich spüre keinen Schmerz, was mich beinahe in Panik ausbrechen lässt. Nur der Gedanke, dass ich den Becher schon fünf Minuten in der Hand halte, beruhigt mich.

Ich gehe zurück zum Fahrer, stelle den Kaffee in seinen Becherhalter, nicke ihm zu und gehe zu meiner Schlafkabine. Bei ihr angekommen sehe ich mich im Bus um. Alle Vorhänge sind zugezogen, niemand schnarcht. Ich lausche vor einem der schwarzen Vorhänge, kein Laut dringt durch ihn. Erneute Unsicherheit packt mich, die ich mit einem Kopfschütteln hinter mir lasse. Vor meinem inneren Auge stelle ich mir das Gesicht des Busfahrers vor, der mir immer mehr wie Tim vorkommt.

Ich klettere in meine Kabine und bin sicher, dass alles, was in letzter Zeit passiert ist, real gewesen sein muss; dann blicke ich aus dem Fenster meiner Schlafkabine, sehe die vorbeiziehenden Bäume. Irgendetwas fehlt, doch ich komme nicht drauf. Ich halte die Luft an, zähle bis acht, atme wieder aus und wiederhole diesen Vorgang. Währenddessen überlege ich, was fehlen könnte und werde dabei immer müder. Kurz bevor ich einschlafe, fällt es mir ein: das Summen der Reifen.

Fünf Stunden später erwache ich. Das Ruckeln des Busses hat aufgehört. Ich reibe mir die Augen, blicke durch mein Fenster auf einen Fichtenwald, der einen beträchtlichen Teil der Sonne verschluckt. Ich halte inne. Im Bus ist es so still, dass der Gang meines Atems das lauteste Geräusch ist. Voller Fragen, reiße ich den schwarzen Vorhang zurück und springe aus meiner Kabine. Es interessiert mich, was passiert ist und warum wir in einem Wald stehen bleiben, doch ich begegne niemandem. Der Bus wie leer gefegt, jedoch die Tür nach draußen scheint geöffnet. Ich laufe im Bus umher, reiße alle Vorhänge der Kabinen zur Seite. Nichts deutet darauf hin, dass in letzter Zeit jemand hier gewesen ist. Ich gehe nach vorn zum Fahrer, kein Kaffeebecher steht im Becherhalter und von ihm fehlt jede Spur.

Mein Herz schlägt schneller, wo sind alle hin? Ich verlasse den Bus, umrunde ihn ein paar Mal, in der Hoffnung, die anderen spielen mir einen Streich. Vergebens, ich entdecke niemanden. Dann bleibe ich stehen, blicke in den Wald, der mir jetzt umso bedrohlicher erscheint. Die Bäume kommen näher. Auf eine Weise ist es immer noch still, so still, dass mein Herzschlag jetzt wie ein Bohrschlaghammer in meinem Kopf dröhnt. Wieder laufe ich um den Bus, ohne wirklich Sinn darin zu finden. Mit jeder Umrundung wird es dunkler, der Wald kommt näher. Ich spüre, wie der Ast eines Baumes nach mir greift, dann wache ich auf.

„Ein Traum, es war ein Traum“, murmle ich. Meine Augen brennen, es ruckelt nicht mehr, das Summen verstummt. Für einen Augenblick steigt erneut Angst in mir hoch, ich wäre immer noch in dem Fichtenwald gefangen. Ich ziehe den Vorhang meiner Koje auf. Der Bus ist leer. Träume ich noch immer? Mein Hals zieht sich zusammen.

Ich rolle aus meinem Bett und lande auf meinen Füßen. Zumindest sieht der Bus jetzt belebter aus. Schuhe und einzelne Kleidungsstücke liegen auf dem Boden. Mein Blick fällt auf die volle Kaffeekanne. Ein Gefühl kehrt zurück, vergleichbar, wie unsichtbar zu sein und an den Rändern zu verschwimmen. Die Außenwelt zieht an mir, so dass es mir vorkommt, ich löse mich auf. Die Wände des Busses erdrücken mich, ich eile nach draußen.

Dieses Mal, kein Fichtenwald, sondern das grelle Schild einer Restaurantkette, dessen gelb mir in den Augen brennt. Davor stehen Menschen in Gruppen zusammen, Rauchschwaden steigen von ihnen ausgehend in den Himmel. Ich hebe die Hand, winke ihnen zu, sie bemerken mich nicht. Eine innere Unruhe packt mich. Ich merke, wie meine Persönlichkeit immer weiter verschwimmt. Ist es doch wahr? Gibt es mich nicht?

Meine Ungewissheit treibt mich dazu, es herausfinden zu wollen. Ich gehe auf die Menge zu, mit jedem Schritt bemerke ich, wie mein Selbst aus seinen Rändern strömt. Ich gehe zu der Gruppe, etwas abseits. Zwei Meter vor ihrem Kreis räuspere ich mich, dann halte ich die Luft an. Nichts. Josh gähnt nur, Karl und Tom blicken auf das gelbe Schild und scharren mit ihren Füßen auf dem Boden. Bin ich also doch gefangen in einer Realität, in der ich dazu verdammt bin, anderen dabei zuzusehen, wie sie ihre Leben führen?

Ich versuche es nochmals, gehe weiter auf sie zu. Kurz bevor ich Tom auf die Schulter klopfen will, bleibe ich stehen. Bilder vom Fichtenwald ziehen an mir vorbei. Traurigkeit darüber, dass ich zusehen muss, wie andere Leute ihr Leben leben, steigt in mir auf. Meine Gefühle kehren zurück, mit ihnen der Schmerz und ein paar Zeilen. Eine Last fällt von mir, mein Körper entspannt sich. Dann lege ich meine Hand auf Toms Schulter, der sich umdreht, mich ansieht und sagt: „Ich kenne diesen Blick.“

Ich nicke, Tränen laufen meine Wangen hinunter. Karl und Josh drehen sich zu uns und wissen, was das bedeutet. Wir umarmen uns und stehen für eine Minute nur so da. Dann gehen wir in das Restaurant mit dem gelben Schild, jeder von uns bestellt sich einen Kaffee. Als ich mich euphorisch und ein wenig zu ruckartig auf eine Bank setze, schwappt der Kaffee in Wellen über den Rand und ergießt sich auf meine Hand. Ich schüttle die Flüssigkeit ab, ein pochender Schmerz geht von der Stelle aus. Ich lächle, glücklich am Leben zu sein.

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The cinema of emotions

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When I ceased to exist