Die Suche nach dem Nichts

Heute regnet es. Feuchte Kälte frisst sich in meine Knochen. Es ist Dienstag, glaube ich. Ich habe schon seit längerem mein Zeitgefühl verloren. Ich verbringe zu viel Zeit an Bahnhöfen. Bahnhöfe, niemand verharrt hier länger als nötig, außer die, die ihren Besitz, oder ihren Verstand verloren haben. Auf mich trifft keines von beidem zu.

Mein Blick fällt auf die Bahnhofsuhr: es ist 6:30 Uhr. Ich sehe auf die Anzeigetafel links daneben, in fünfzehn Minuten fährt der nächste Zug Richtung Flughafen ab. Am Flughafen angekommen, müsste ich mich für mein nächstes Ziel entscheiden, was mir zunehmend schwerfällt. Zu Beginn meiner Reise wählte ich meine Stationen sorgfältig aus, mittlerweile ist es mir egal. Hauptsache, ich bin in Bewegung. Mein Innerstes ist taub, bin eingeschlossen in mir selbst. Ich könnte mich von diesem Gefühl befreien, vom Leben ablassen, doch das würde heißen, dass ich eine endgültige Entscheidung treffen müsste und darin war ich noch nie gut.

Die Menschen, die mich schon vor meiner Reise kannten, sagten, ich würde davon rennen. Doch ich renne nicht davon, ich entdecke. Meine Arbeit: aufgegeben. Meine Wohnung: verkauft. Ich lebe im Resultat meiner Entscheidungen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Ich hoffe jeden Tag auf eine wahr gewordene Utopie, ein Wunder, doch erleben werde ich das wohl nie.

Genug davon, ich rede zu viel über das Danach. Das Davor war viel schlimmer, hoffe ich jedenfalls. Ich erzähle euch davon.

Schon damals fühlte ich mich rastlos, immer und überall. Menschen auf der Arbeit, in Clubs und in der Öffentlichkeit, mit denen ich zahllose Gespräche führen musste. Neben denen ich mich fühlte, wie ein zerknitterter Putzlappen. Das Studium: offener Vollzug. Die Arbeit: Strafvollzug. Der Urlaub: Freigang. Ich genoss ihn, probierte alles aus. Unzählige Länder, Attraktionen, Frauen und doch konnte ich nicht vor mir selbst und dem nagenden Gefühl der Leere, das mich begleitete, fliehen.

Ich sprach mit anderen Reisenden an einer Bar unter Palmen. Mir fiel eine Frau mit mokkafarbener Haut auf. Ich wandte mich ihr zu, brachte sie zum Lachen, fuhr durch ihr lockiges Haar. Kurze Zeit später schliefen wir miteinander. Die Leere war kurz gefüllt, dann wieder nicht mehr. Am Morgen danach erstrahlte das Paradies in seinen schönsten Farben, für mich schien alles Grau. Dennoch wollte ich bleiben, schnorchelte, entdeckte neue Gerichte, traf wieder andere Menschen, trank Cocktails, schlief erneut mit irgendjemandem, doch war für mich immer noch alles in einen grauen Schleier gehüllt. Drei Tage später reiste ich ab.

Zurück im Alltag: Hochhäuser, Straßenbahnen, Menschen, die alle in sich selbst vertieft vorbei hasteten. Projekte, Akten, Abgabetermine, Stress, Alkohol, Partys. Ich machte weiter, sagte zu mir, dass ich nur durchhalten müsste, bis der Tag kommt, an dem sich meine Probleme in Luft auflösten. Ich weiß bis heute nicht, was ich mir unter diesem Tag vorgestellt hatte. Der nächste Urlaub? Die große Liebe? Meine Pension? Viel Geld? Freiheit? Anstatt mich damit auseinander zu setzten, wartete ich nur ab.

Während ich auf diesen Tag wartete kam der nächste Urlaub. Meine innerliche Anspannung löste sich. Vier Tage vor Urlaubsende hatte ich Angst vor der Rückkehr in meine Realität. Der graue Schleier kam zurück. Ich reiste erneut frühzeitig ab und dachte, alles würde so weitergehen bis ich sterbe. Doch dann begegnete ich Maja und etwas veränderte sich.

Ich traf sie nicht in einem Club, wie die anderen Frauen, mit denen ich sonst schlief, sondern in einer Buchhandlung, zwei Querstraßen von meiner Wohnung entfernt. Bevor ich Maja kannte, ging ich nur noch selten in Buchläden. Als ich kleiner war, stöberte ich mit meiner Mutter mindestens einmal die Woche durch deren Auslagen. Seit der Krebs sie beinah vollständig aufgefressen hatte, assoziierte ich Buchhandlungen nur noch mit ihrem nahenden Tod und der Erkenntnis, dass ich die Zeit nicht zurückdrehen konnte.

Ich betrat das Geschäft mit dem Auftrag, ihr das neuste Werk des Autors Benedict Wells zu besorgen. Ich kannte weder den Autor, noch den Titel: „Vom Ende der Einsamkeit.“ Sie bestand ausdrücklich darauf, dass ich es im Laden kaufte. Zunächst wollte ich mich weigern, doch konnte ich es ihr nicht abschlagen. Ich wusste nicht, wie lange sie dem Krebs noch standhalten würde. Jedes Buch, das ich ihr kaufte, konnte ihr Letztes sein.

Der unverwechselbare Geruch frisch gedruckten Papieres schnürte mir die Kehle zu. Ich suchte in der Romanabteilung nach dem Exemplar, fand es und begab mich Richtung Kasse. Dabei kam ich an der Leseecke vorbei, mein Schritt verlangsamte sich. Eine Frau saß in einem Sessel und las. Sie drehte eine Haarsträhne auf ihren Finger, zog sie in die Länge und ließ die Strähne wieder fallen. Ich glaubte an solche Sachen wie „Liebe auf den ersten Blick“ nicht, doch es war mir nicht möglich weiterzugehen. Irgendetwas an ihr vereinnahmte mich. Sie saß auf diesem Sessel und schien einfach zufrieden. Das Gegenteil von mir. Ich musste sie kennen lernen.

Ich setzte mich auf das daneben stehende Sofa, das Buch für meine Mutter in der Hand. Ich schlug es auf, las aber nicht, sondern versuchte, ihren Blick einzufangen. Ich hätte sie einfach ansprechen können, doch aus irgendeinem Grund war ich zu nervös. Sie war so sehr in ihr Buch vertieft, dass ich keine Chance hatte, mich bemerkbar zu machen. Ich begann selbst zu lesen und wartete, bis sie Notiz von mir nahm. Ich las erst fünf, dann zehn Seiten. Das Buch zog mich in seinen Bann, sodass ich nicht registrierte, wie sie aufstand und ging. Als ich das feststellte, erhob ich mich und bezahlte das Buch für meine Mutter. Ab dem Zeitpunkt dieser Begegnung machte ich jeden Tag von meinem Nachhauseweg einen Umweg zur Buchhandlung. Wieso hatte ich sie nicht gleich angesprochen? Warum war es mir nur so schwer gefallen?

Es dauerte zwei Wochen bis ich sie wieder sah. Sie saß auf dem gleichen Sessel wie zuvor, wieder in ein Buch vertieft. Ich hatte mir einen Plan ausgedacht, um mit ihr ins Gespräch zu kommen. Ich schnappte mir das gleiche Buch wie sie – 4321 von Paul Auster – und setzte mich einen Armabstand von ihr entfernt. Ich schlug das dicke Buch auf, las drei Seiten lang darin, blickte zu ihr und fing endlich ihren Blick ein. Meine Hände zitterten, am Buchrücken hinterließ ich nasse Abdrücke. Das Erste, was ich zu ihr sagte, war: „Tolles Buch, oder?“

Sie lächelte, blickte wieder in ihre Lektüre, dann zurück zu mir. Sie verstand sofort, was ich spielte. „Findest du? Wieso schaust du dann immer wieder zu mir?“

„War nur überrascht, dass du das Gleiche liest wie ich.“

„Aha. Was gefällt dir an dem Buch denn so?“

„Dass es noch jemand anderes liest?“

„War das eine Frage? Sei ehrlich, du weißt gar nicht, worum es geht. Wie viel hast du bis jetzt gelesen? Fünf Seiten?“

„Ich ähm, ich, ja, ich wollte nur nochmal von vorn anfangen.“

Sie starrte mich an, eine Pause entstand.

„Du hast recht, es sind nicht mal fünf Seiten bis jetzt. Du bist mir letztes Mal hier aufgefallen und da ...“

„Da dachtest du, du nimmst dir das gleiche Buch wie ich und verwickelst mich damit in ein Gespräch?“

„So in etwa.“

„Und du denkst, das funktioniert?“

„Wir reden miteinander.“

„Touché.“ Sie schmunzelte, strich sich eine braune Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Letztes Mal war ich zu spät dran, was zu sagen.“

„Irgendwie find ich das ja süß, aber auch ein bisschen seltsam.“

„Dann darf ich dich auf einen Kaffee einladen?“

Sie lachte. „Wie kommst du von, finde ich seltsam auf Kaffee?“

„Du hast auch gesagt, dass du es süß findest. Außerdem könntest du mir erzählen, warum ich das Buch lesen sollte und was dir daran gefällt.“

Sie sah in meine Augen, wartete einen Moment und stand auf. „Dann lass uns gehen, gegenüber ist ein Café.“ Sie streckte mir ihre Hand entgegen. „Ich bin übrigens Maja.“

Wir kauften beide das Buch und setzten uns in das Kaffee in der gegenüberliegenden Straße. Es existieren nur noch wenige Erinnerungen an diesen Nachmittag. Sie hypnotisierte mich mit ihren ozeanblauen Augen, ihren Sommersprossen, die auf und ab tanzten, wenn sie sprach und ihrem braunen Haar, das sie immer wieder um einen ihrer Finger wickelte. Es dauerte keine zwei Wochen und wir waren ein Paar.

Ab dem Nachmittag im Café bemerkte ich, dass ich mich veränderte. Maja strahlte eine Wärme aus, die ich bisher bei noch keinem Menschen gespürt hatte. Das erste Mal seit Jahren kam ich aus mir heraus und öffnete die Tür zu meiner inneren Welt, wenn auch nur einen kleinen Spalt. Es bereitete mir Angst, mich zu öffnen. Immer wieder redete ich mir ein, dass ich das Richtige tat. Im gleichen Zug spürte sie, dass etwas mit mir nicht in Ordnung war. Ich wusste, dass sie mich liebte, doch ich wollte meine Gefühle nicht zur Schau stellen, also schlug ich die Tür im Inneren wieder zu. In meinen Augen war ich es nicht wert, geliebt zu werden. Mein Innerstes zerquetscht, wie ein überfahrener Frosch. Das sollte sie nicht sehen.

„Was ist los? Du bist immer so abwesend. Stimmt irgendetwas nicht?“

„Nein, alles okay. Was soll sein?“

„Du weißt, dass du mir alles sagen kannst?“

„Ich weiß, das werd ich.“

„Okay, gut.“

Obwohl sie mich verstand, mich liebte, wie ich es selbst nie konnte, war unser Glück nicht von Dauer. Es war von Pausen durchzogen. Erst Kleine, dann Große. Zunächst nur Minuten, dann Stunden, in denen wir stritten und anschließend tagelang nicht miteinander redeten. Am Ende dieser Phasen des Schweigens offenbarte ich ein Stück von mir. Dann kehrte das Glück wieder zurück. Ich blieb bei ihr und sonderte mich innerlich wieder ab. Ich versuchte, den Makel in mir zu ergründen, der uns so viel Schmerz zufügte, doch blieb er mir ein Rätsel. Ich wusste nicht, warum alles um mich herum so schwer wirkte.

So verging ein Jahr für mich. Wir blieben ein Paar und waren weiter voneinander entfernt, als vor unserem ersten Treffen. Sie fragte mich wieder und wieder. „Warum bist du so abwesend? Wo bist du?“

Ich versuchte, es ihr zu erklären, doch wie sollte ich das tun, wenn ich es selbst nicht einmal begreifen konnte? Mir fehlten die richtigen Worte. Es war wie eine Fremdsprache, die ich nicht beherrschte. Einmal, als wir auf dem Sofa saßen, platze eine Überlegung aus mir heraus: „Leer. Ich weiß selbst nicht warum, aber alles um mich herum wirkt so grau.“

Maja drehte ihren Kopf zu mir, sah mich eine Minute lang einfach nur an. „Bin ich dir nicht genug?“

„Doch, klar bist du das. Wie kommst du darauf?“

„Wenn du dich leer fühlst und unglücklich bist, dann genüge ich dir ja nicht. Dann bin ich nicht die Richtige. Ich hab´ das Gefühl, dass du dich die ganze Zeit vor mir versteckst.“

„Du verstehst das falsch.“

„Sag mir, wie ich das verstehen soll?“

„Gar nicht, ich meine ich, ...“

„Ich, ich, ich. Es geht immer nur um dich. Genau das ist das Problem.“

Maja stand auf und ging aus dem Zimmer. Ich hoffte, ich bekäme nochmals die Chance, mich zu erklären, suchte nach Wörtern, die freundlicher klangen als leer und grau. Ich folgte ihr ins Schlafzimmer. Auf dem Bett lag bereits eine Tasche, in die sie ihre Kleidungsstücke stopfte. Ich stand daneben, versuchte, meine Gedanken in Worte zu formulieren, und beobachtete sie.

„Ich dachte, wir wären weiter nach einem halben Jahr.“

„Ein halbes Jahr?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich bleibe für ein paar Tage in meiner Wohnung, muss nachdenken.“ Mit Tränen in den Augen stürmte sie an mir vorbei und schlug die Wohnungstür hinter sich zu. Ich ging wieder ins Wohnzimmer und versank in den Sofakissen. Ich hasste mich dafür, dass ich sie hatte gehen lassen. Dieses Gefühl hielt für einen kurzen Moment an, dann existierte nur wieder Gleichgültigkeit, die sich wie eine Decke um mich legte.

Drei Tage später rief Maja bei mir an.

„Hey Maja, wie geht´s dir? Du hast dich gar nicht mehr gemeldet.“

„Ja, hey. Ich hab´ dir gesagt, dass ich nachdenken muss.“

„Okay.“

„Das ist alles? Okay? Ich hab dir alles gegeben und das scheint dich nicht mal zu interessieren. Ich halte das alles nicht mehr aus. Ich kann mit niemanden zusammen sein, der nicht zu einhundert Prozent da ist, verstehst du?“

Ich nickte stumm ins Telefon. „Ja, du hast recht.“

„Du tust es schon wieder. Weißt du was? Lassen wir das mit uns.“

Ich nickte wieder. Am anderen Ende hörte ich es nur Schluchzen. Ich wollte etwas sagen, doch war da die Fremdsprache, die ich nicht beherrschte. Sie legte auf.

Danach begann ich mich alt zu fühlen. Zu dieser Zeit war ich 37. Wenn ich in Clubs ging, waren zwei Drittel der Gäste jünger als ich. Für den Fall, dass sich meine Freunde noch anschlossen, bemerkte ich nur die kahlen Stellen auf ihren Köpfen, ihre beginnenden Wohlstandsbäuche und die Fotos ihrer Kinder als Bildschirmschoner ihrer Smartphones. In diesen Momenten fragte ich mich, warum die Jahre so schnell vergangen sind. Offenbar alle in einem einzigen Rausch vergessen. All die Träume, Hoffnungen, Wünsche und Versprechungen unserer Jugend, ein aufregendes Leben zu führen, von unserem Alltag verschlungen. Nicht auf einmal, sondern ganz langsam. Eine Flamme, an der wir uns jeden Tag aufs Neue verbrennen. Narbengewebe bildet sich, an dessen Stelle wir nichts mehr spüren.

Ich erinnerte mich an meine Zwanziger, versuchte, all die Erinnerungen an glücklichere und unbeschwertere Zeiten festzuhalten. Es gelang mir nicht. Alles verschwamm zu einem einzigen Klumpen der Verbitterung, der in meinem Hals stecken blieb. Als Gegenmittel schlief ich wieder mit Frauen, deren Gesichter ich vergaß. Frauen, die acht Jahre jünger waren als ich und die mir zunehmend fremder vorkamen, je öfter ich mit ihnen im Bett war.

In diesem Abschnitt meines Lebens dachte ich viel über den eigentlichen Sinn nach. Ich wandte mich als vermeintlich letzte Rettung den Leuten zu, die wussten, wie man glücklich wird. Zumindest behaupteten sie es von sich. Je mehr ich mich jedoch mit ihren Theorien beschäftigte, desto mehr begriff ich, dass alles nur ein Schwindel war. Sie legten den Finger in eine Wunde, die nicht existierte. Pseudoglückliche Menschen, die mit dem Leid anderer ihr Geld verdienten. Selbsthilfe in ihrer kapitalistischen Form. Der Sinn des Lebens als menschengemachtes Konstrukt, nur ein sich schließender Kreis von Konsum, Erlebnissen und dem um jeden Preis zu vermeidenden Ende unserer Existenz. Wir werden in ein Leben geworfen, das wir nicht verstehen und womöglich nie ganz verstehen werden. Also hörte ich auf, es zu versuchen, denn je mehr ich es versuchte, desto unglücklicher wurde ich.

Eines Morgens, als ich aufwachte, zu meiner Kaffeemaschine schlurfte, mich mit dem Kaffeebecher an den Tisch setzte und in das schwarze Gebräu blickte, klingelte mein Smartphone. Ich unterhielt mich mit der Sterbeklinik, in der meine Mutter untergebracht war. Sie sei letzte Nacht verstorben, es täte ihnen leid. Ich nickte ins Telefon, bedankte mich und legte auf. Ich hatte es erwartet. Bedauern flackerte kurz in mir auf, dann verschwand es in dem schwarzen Meer meiner Gleichgültigkeit.

Zwei Tage später fand die Beerdigung statt. Da ich als einziger von unserer Familie übrig geblieben war, stand ich abseits von ihren Freunden, die ich ein paar Mal gesehen hatte. Jeder der zwanzig Anwesenden kam auf mich zu, schüttelte mir die Hand, umarmte mich herzlich und erzählte von den gemeinsamen Erinnerungen. Ich lächelte, hörte zu und dankte ihnen, dass sie gekommen waren. Als ihr Sarg in das Erdloch hinuntergelassen wurde, versuchte ich zu weinen, doch meine Augen blieben trocken. Nach der Trauerfeier lud ich traditionsgemäß zum Totenmahl in ein Gasthaus ein. Ich blieb für eine Stunde und entschuldigte mich dann. Länger hielt ich es unter den anderen Menschen nicht aus, die immer mehr Anekdoten über sich selbst und meine Mutter erzählten.

Wieder zuhause angekommen, wurde mir klar, dass ich so nicht weitermachen konnte. All meine Gleichgültigkeit half mir nicht mit meiner Trauer umzugehen, die ich letztlich doch verspürte. Ich wollte ausbrechen, alles hinter mir lassen, nur noch in Bewegung sein, nicht mehr Stillstehen. Am nächsten Morgen stand ich auf, putzte mir die Zähne, ging ins Büro und kündigte. Danach begann ich nach und nach alles zu verkaufen, was nicht in einen Rucksack passte.

Das war das Davor.

Im Danach tat ich das, womit ich mich am liebsten beschäftigte: reisen. Mein Gefühl des Kaputtseins verfolgte mich jedoch weiterhin und riss mich regelmäßig nachts aus dem Schlaf. Um alles leichter ertragen zu können, begann ich zu trinken. Erst drei bis vier Bier jeden Abend, dann auch mittags und schließlich Cocktails zum Frühstück. Auf den Inseln im Indischen Ozean stellte das kein Problem da. Die Leute, die mir Gesellschaft leisteten, hatten Urlaub oder befanden sich auf einer Weltreise. Ich gab vor, aus den gleichen Gründen wie sie hier zu sein.

Je mehr Zeit ich mit anderen verbrachte, desto mehr begann ich sie zu hassen. Aus irgendeinem Grund machte ich sie, für alles was mir passiert war, verantwortlich. Nach einem halben Jahr war es so schlimm, dass ich mit einem jungen Mann eine Schlägerei anfing, der mich nur nach meinem Namen gefragt hatte. Man schmiss mich aus der Bar, nachdem ich ihm die Nase zertrümmert hatte. Ich verlies die Insel und kehrte wieder in mein Heimatland zurück. Ich war erneut gestrandet, fuhr mit dem Zug von Stadt zu Stadt, verbrachte Zeit an Bahnhöfen und spottete über Menschen, die zur Arbeit hetzten, obwohl ich sie inzwischen dafür beneidete. In diesen Momenten hätte ich alles dafür gegeben, in mein altes Leben zurück zu kehren. Es war nicht das Leben, an sich, das ich zurück wollte: es war Maja.

Mittlerweile trank ich eine Flasche Whiskey am Tag, den ich für sieben Euro in einem Billigdiscounter erstand. Ich fragte mich, wofür ich noch lebte, dann realisierte ich, dass ich mich schon zu lange am selben Ort aufhielt. Ich musste dringend weiter.

Zurück zur Gegenwart: es ist immer noch Dienstag, glaube ich. Es regnet weiterhin. Mein Zeitgefühl scheint verloren. Ich habe es nicht geschafft, in den nächsten Zug zu steigen, mich stattdessen mit meiner Flasche Whiskey in eine Ecke gesetzt und versucht meine Gefühle im Alkohol zu ertränken. Jeden Tag sehe ich meine ausgezehrte Mutter in ihrem Krankenbett vor mir, gefolgt von Bildern von Maja, wie sie aus meiner Wohnung stürmt. Ich stehe auf, laufe in die Nähe der Bahnhofsuhr, die mit ihrem stoischen Ticken die Zeit verstreichen lässt. Es ist acht Uhr. Menschen hetzen an mir vorbei. Ich stehe ihnen im Weg, werde zur Seite gestoßen. Eine Frau rempelt mich an und dreht sich zu mir um.

„Bist du es wirklich?“

Es ist Maja. Ich gebe vor, sie übersehen zu haben. Scham steigt von meiner Brust aus in den Hals und zeichnet sich auf meinem Gesicht ab, das feuerrot glüht. Ich entferne mich von ihr. Sie folgt mir, ruft erneut meinen Namen, der mich an ein anderes Leben erinnert. Ich antworte nicht, gehe weiter, bis sie an mir vorbeirennt und mir den Weg versperrt. Ich sehe sie an.

„Was soll das? Ich hab´ die ganze Zeit nach dir gerufen.“

„Hey Maja, ich wusste nicht, dass du das bist.“

„Aber deinen Namen wirst du noch kennen?“

„Wie geht´s?“

„Ich hab´ gehört, du hast deinen Job gekündigt und deine Wohnung verkauft. Ist alles in Ordnung bei dir?“

„Ging mir nie besser. Ich reise jetzt nur noch.“

„Aha .... Und wie läuft das so?“

„Na, wie schon: ich muss nicht zur Arbeit, hab unendlich viel Zeit, kann tun und lassen, was ich will. Ich bin endlich frei.“

Maja weitet ihre Augen, lässt ihren Blick über meinen Körper gleiten. „Ich weiß, das mit uns hat nicht geklappt, aber ich bin immer noch für dich da, wenn du was brauchst.“

„Das weiß ich zu schätzen, aber mir geht´s gut. Ehrlich.“

Sie blickt mir nochmals in die Augen, presst ihre Lippen aufeinander, sodass Grübchen in ihren Wangen entstehen. Ein Zeichen dafür, dass sie mir nicht glaubt.

„Ich muss weiter, den nächsten Zug erwischen. Tut mir echt leid. Ich war nur für ein paar Tage hier. Ein Zwischenstopp sozusagen.“

„Okay, dann will ich dich mal nicht aufhalten.“

Ich nicke, sehe in ihre wachen klaren Augen, die mir sagen, dass ich ihr alles anvertrauen kann. Doch irgendetwas hindert mich daran. Ein falsch gepolter Magnet, der sich, anstatt andere anzuziehen, mich von meinen Mitmenschen abstößt. Es liegt in meiner Natur allein zu sein.

Ich gehe an ihr vorbei. Der Klumpen Verbitterung in meinem Hals drückt mich so fest auf den Boden, dass ich meine Füße kaum anheben kann. Ich bemühe mich, meine Maskerade aufrecht zu erhalten, spüre, dass sie mir nachsieht. Warum hat sie mich geliebt? Oder hat sie das etwa nie?

Mein Schritt beschleunigt sich. Je weiter ich mich von ihr entferne, desto leichter fühle ich mich. Ich steige in den nächsten Zug zum Flughafen und blicke aus dem Fenster. Häuser ziehen an mir vorbei. Erst langsam, dann immer schneller. In meiner Verzweiflung zerre ich meinen Rucksack unter dem Sitz hervor und suche nach dem Buch – 4321 von Paul Auster – das ich die ganze Zeit bei mir habe. Ich finde es, lege es auf mein Knie und schlage die erste Seite auf. Unter dem Titel befindet sich in winziger Schrift ein mit Bleistift verfasster Text:

„Ich schätze, dass du das Buch nie lesen wirst, aber es wird mich immer an uns und unsere erste Begegnung erinnern. Ich weiß, dass du eigentlich nie existieren wolltest und das ist schade, denn dann hätten wir uns nie kennen gelernt, auch wenn es manchmal schwierig war. Wir müssen keinen Sinn im Leben finden, weil es unwichtig ist. Was zählt, ist, was wir in unserem Leben machen, nicht danach. Was danach geschieht, oder aus welchem Grund es das tut, sind nur Versprechungen oder Überzeugungen, die keiner halten oder begründen kann. Ich sehe, dass du mit dir haderst und dich selbst verletzt. Du driftest immer mehr in einen Traum ab, in den ich dir nicht folgen kann. Ich habe es versucht, doch ich schätze, dass sich das nicht ändern lässt und das macht mich traurig. Ich will nur, dass du weißt, dass du dich nicht verstecken musst, dass ich dich liebe, so wie du bist und dass ich immer für dich da bin, egal was passiert. In Liebe, Maja.“

Zum ersten Mal seit Jahren quellen Tränen aus meinen Augen. Diese Botschaft hatte ich erst entdeckt, als wir bereits getrennt waren und ich meine Sachen verkauft habe. Sie hatte sie einfach in das Buch geschrieben, ohne mir etwas davon zu erzählen. Diese Zeilen machen die Begegnung mit ihr nicht leichter, doch es gibt mir das Gefühl, dass sie mich wirklich wahrgenommen hat. Denke ich an vorhin, hätte ich mir so sehr gewünscht, dass Maja mich in den Arm genommen hätte, nichts wäre schöner und zugleich absurder gewesen. Ich hätte ihr all das anvertrauen müssen, was ich ihr noch nie erzählt habe. Zuallererst, warum ich sie habe gehen lassen. Auch wenn ich mich lange vor dieser Wahrheit versteckt habe, hatte ich im Grunde nur Angst wahre Gefühle zu zeigen, alles für einen Menschen zu sein und dann enttäuscht zu werden. So intensiv, dass ich mich vielleicht nie davon erholt hätte. Vielleicht hätte dies meinen Abwehrmechanismus durchbrochen. Jetzt ist es zu spät, um das herauszufinden.

So bin ich dazu verdammt immer wieder in Züge oder Flugzeuge zu steigen, es nie lang genug an einem Ort auszuhalten, an dem mir irgendjemand oder ich mir selbst zu nahe kommen kann. Egal wie schnell ich renne, die innere Leere begleitet mich: diese Suche nach dem Nichts.

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The search for nothingness